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erstes wiener strohhaus
strohhaus01
dachausbau in einem eingeschossigen hofgebäude, wien 2003

bauherren: karen allmer und florian macke
statik: reinhard schneider
bauphysik: thomas zelger, erwin schwarzmüller
funktion: wohnung und atelier
bauzeit: april-dezember 2003
standort: wien mariahilf
nutzfläche: 180 m2
nettobaukosten: 180.000 €
strohhaus04
baubeschreibung

es handelt sich um den ausbau eines dachbodens in einem ebenerdigen hofgebäude zur schaffung einer wohnung und eines ateliers mit 180 m2 gesamtnutzfläche unter beibehaltung der erdgeschossigen garagennutzung.

die verwendung von strohballen als wärmedämmung steht exemplarisch für den ökologischen zugang zum projekt. überlegungen zum thema ressourceneffizienz und wirtschaftlichkeit waren für den gesamten planungsprozess massgeblich. darüberhinaus waren wir um einen unprätentiösen, nicht formalistischen architektonische ausdruck bemüht.

mit relativ geringem finanziellem aufwand konnte unter einbringung von eigenleistungen wertvoller zusätzlicher wohnraum im dichtverbauten stadtgebiet geschaffen werden. die bestehende bausubstanz wurde durch den eingriff aufgewertet, die hofsituation insgesamt verbessert. die parallele nutzung des gebäudes als garage und wohnung bzw. atelier hat sich in der praxis als unproblematisch erwiesen.

situation + raumkonzept

vorgefunden wurde ein ebenerdiges L-förmiges hofgebäude mit pultdach, das bei der parifizierung des vorderhauses entkernt und zu einer garage umgewidmet worden war. der gesamte dachboden darüber und ein ungenutzter bereich im erdgeschoss standen für den ausbau zur verfügung.

eine besondere herausforderung bestand darin, auf einer grundfläche von 120 m2 mit einer eingeschossigen bebauung einen flächenbedarf von 180 m2 abzudecken. das wurde durch die umwandlung des dachumrisses von pult- zu walmdach, durch die staffelung der nebenräume im erschliessungskern und die schaffung zusätzlicher bereiche in podesten und galerien erreicht.

eine weitere herausforderung bestand darin, ein raumkonzept zu finden, das einerseits ausblicke ermöglicht, andererseits vor einblicken schützt. ein offenes stiegenhaus aus gitterrosten, regale als raumteiler anstelle von trennwänden, eine zum hof hin orientierte schiebetürverglasung, eine niedrige traufkante in verbindung mit einem dachvorsprung und die positionierung von dachflächenfenstern fenstern am höchsten punkt des gebäudes sind teil dieses raumkonzepts, das vielfältige sichtbeziehungen mit einblicken, durchblicken und ausblicken ermöglicht.

ein grosszügiger hofseitig vorgelagerter balkon erweitert den innenraum optisch und funktionell erweitern, dient in der warmen jahreszeit als zusätzliche erschliessungszone und bietet durch bepflanzung sichtschutz und beschattung.

planung + genehmigungsverfahren

restriktive bebauungsbestimmungen liessen anfangs die hoffnung auf eine realisierung des projekts schwinden. die wohlwollende beurteilung des bauvorhabens durch den bezirksbauausschuss, sowie der sensible umgang mit nachbar- und eigentumsrechten unsererseits, haben die realisierung schliesslich möglich gemacht.

das genehmigungsverfahren konnte allen anfänglichen unkenrufen zum trotz reibungslos abgewickelt werden. seitens der baubehörde gab es zwar wegen der erhöhten brandlast widerstand gegen die verwendung von stroh, die probleme konnten aber nach einigem hin und her und nach vorlage einschlägiger expertisen zu unseren gunsten gelöst werden.

raumorganisaton + erschliessung

das gebäude wird von einem stellplatz im eg, der zum vorplatz umgewidmet wurde, erschlossen. von dort gelangt man in das stiegenhaus von dem zwei zwischengeschosse und die beiden flügel des dachgeschosses erschlossen werden. die zwischengeschosse, in denen bäder und nebenräume untergebracht sind, sind gegenüber dem dg jeweils um einen halbstock versetzt (split level).

das dachgeschoss ist in einen wohn- und in einen arbeitsbereich gegliedert, die räumlich voneinander getrennt jeweils in einem flügel untergebracht sind. den beiden bereichen ist jeweils eine galerie zugeordnet, die getrennt vom stiegenhaus erschlossen wird. das gebäude ist also in 5 ebenen gegliedert, die alle über das stiegenhaus zugänglich sind.

konstruktion + statik

die gesamte konstruktion wurde in leichtbauweise ausgeführt (holzskelettbau). sie ist praktisch auf das bestehende gebäude aufgesetzt. die aussteifung des bauwerks erfolgt über schubsteife wand- und dachflächen. die lastableitung erfolgt über die bestehenden massiven wände des erdgeschosses. zusätzliche fundierungsarbeiten waren nicht erforderlich.

das bauwerk wurde auf ein maximum an material- und kosteneffizienz ausgelegt. der bestand sollte als ressource genutzt und vorhandenes material so weit wie möglich wiederverwendet werden. formalästhetische überlegungen wurden der prämisse nach maximaler ressourceneffizienz untergeordnet.

konkret wurden die alten ziegel ausgelöst, gereinigt und wieder verbaut. das holz des alten dachstuhles wurde, soweit möglich für die nicht sichtbaren teile der konstruktion wiederverwendet. das neue dach wurde mit den alten dachziegeln gedeckt. die vorhandenen dachbodenziegel wurden gewaschen und im erdgeschoss wieder verlegt.

energiekonzept + haustechnik

vom energiekonzept her handelt es sich um ein energiesparhaus ohne kontrollierte raumlüftung (energiekennzahl ca. 45kWh/m2a). die energetisch ungünstige gebäudegeometrie wird durch den hohen wärmedämmstandard der gebäudehülle kompensiert (U=ca. 0,15). aus konstruktiven und bauphysikalischen gründen (vermeidung von kältebrücken) haben wir uns für eine innenliegende wärmedämmung entschieden.

die grossen glasflächen, die tagsüber solare zugewinne versprechen, entsprechen dem passivhaus- bzw. niedrigenergiehaus-standard (U=0,8-0,9). auf eine zusätzliche heizebene entlang der hofseitigen vertikalverglasung (unterflurkonvektoren) konnte daher verzichtet werden.

die heizung und warmwasseraufbereitung erfolgt durch ein gasbrennwertgerät. es versorgt einen integrierten warmwasserspeicher, eine niedertemperatur-wandheizung, sowie eine fussbodenheizung in den sanitärräumen. als notkamin wurde ein keramischer edelstahlkamin errichtet. ein daran angeschlossener schwedenofen, der mit holz befeuert wird, sorgt zusätzlich für behaglichkeit an kalten wintertagen und in der übergangszeit.

die leitungen der elektro- und sanitärinstallation wurden zum einen teil in der dämmebene der wände, zum anderen teil unter dem schiffboden zwischen den polsterhölzern verlegt.

bauphysik + wärmedämmung

die gefahr der sommerlichen überhitzung ist wegen der hoflage und der natürlichen beschattung durch die nachbargebäude und den alten baumbestand gering. die begrünung des balkons, insbesondere der pergola, soll im sommer zusätzlich für natürliche klimatisierung sorgen.

der schallschutz stellt angesichts des hohen raumgewichts der strohballendämmung in der praxis kein problem dar. der nachweis im zuge des bewilligungsverfahrens erwies sich jedoch als problematisch: da stohballen kein zertifizierter baustoff sind und keine entsprechenden bauteilprüfungen vorlagen, wurde eine amtliche gutachterliche stellungnahme verlangt.

womit wir schon beim stroh wären: nicht nur ökologische überlegungen, sondern auch das günstige preisleistungsverhältnis und die besonderen bauphysikalischen eigenschaften haben uns in der wahl dieses dämmstoffs bestärkt. die strohballen schaffen aufgrund ihres relativ hohen raumgewichts speichermasse im dach, und leisten damit einen wichtigen beitrag zur regulierung des raumklimas. auch überlegungen zur wärmetransmission (phasenverschiebung) und das verhältnis von raumgewicht und lambda-wert sprechen für dieses material und den realisierten dachaufbau.

zum bestand hin (über der decke zum erdgeschoss und vor den aussenwänden) wurde wie erwähnt eine innenliegende wärmedämmung aus einblas-zellulose realisiert. fallweise in der grenzschicht von innenliegender wärmedämmung und ziegelwand auftretendes kondensat soll vom ziegel resorbiert und nach aussen abgegeben werden.

wandaufbauten + oberflächen

die innere wand- und deckenbeplankung besteht aus osb-platten. diese dienen als containment für die einblasdämmung, als konstruktive aussteifung, als trägermaterial für die brandschutzverkleidung und nicht zuletzt als dampfbremse. darüber liegt eine brandschutzverkleidung aus gipsfaserplatten. die wände wurden mit färbigem lehm-edelputz (japanputz) beschichtet, die decken und die dachschrägen wurden weiss gestrichen.

tadelakt, eine spezielle kalkputztechnik aus marokko kommt in den bädern als wasserfeste und wasserabweisende beschichtung der "nasswand" zum einsatz. auf fugenbildende oberflächen (fliesen) konnte hier gänzlich verzichtet werden.

in den aufenthaltsräumen wurde ein lärchenschiffboden verlegt, der gleichzeitig als installationsebene dient. die verrohrung für wandheizung und elektroinstallation wurde zwischen den polsterhölzern eingelegt. dadurch konnte auf eine zusätzliche installationsebene in der wand verzichtet werden. in den sanitärräumen wurde ein linoleumboden verlegt.

die einscheibigen trennwände in den nebenräumen bestehen aus finnischen betonschalungsplatten. auch die als regale ausgebildeten raumteiler, sowie nachträglich eingezogene zwischenböden sind aus diesem material. die horizontalen flächen der stiegen (trittstufen und podeste) und die galerien bestehen aus verzinkten bzw. rohen stahlgitterrosten. als tragkonstruktion und absturzsicherung fungieren hier unbehandelte schichtholzscheiben.

lüftung + belichtung

die belichtung erfolgt über eine hofseitig abgeordnete raumhohe schiebetürverglasung und über dachflächenfenster. diese sind so angeordnet, dass eine effiziente entlüftung am höchten punkt des raumes möglich ist. die horizontalen flächen des stiegenhauses bestehen zur gänze aus gitterrosten, sodass die natürliche belichtung aller geschosse gewährleistet ist. ähnliches gilt auch für die galerien.

auf den einbau einer kontrollierten raumlüftung wurde bewusst verzichtet, um den aufwand für die haustechnik nicht in die höhe zu treiben. die kostenersparnis aufgrund der zu erwartenden reduktion des heizenergiebedarfs von 45 auf 30 kWh/m2a erschien angesichts der zusätzlichen investitionskosten als wirtschaftlich nicht sinnvoll.

ausblick

wir glauben, dass unser projekt ein modell für kosteneffiziente und ökologisch verträgliche nachverdichtung im urbanen raum sein kann. das beispiel zeigt, dass die nachnutzung von restflächen für wohnzwecke kein kostspieliges elitäres unterfangen sein muss (stichwort dachausbau), mit anderen nutzungen verträglich sein kann (z.b. werkstatt, garage, lager), und dass davon zusätzlich ein belebender effekt auf städtische innenhöfe ausgehen kann.

so hat der innenhof aus sicht der hausbewohner durch die beschriebene baumassnahme eine aufwertung erfahren, welche den wunsch nach einer neugestaltung (hofbegrünung) geweckt hat. ein entsprechendes projekt wurde bereits realisiert.